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Rolfing - Strukturelle Integrationaus einem Gespräch mit Walter de Mello Neto
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Gebeugte Menschen, runde Rücken, hängende Schultern, HWS-Syndrome,
Bandscheibenvorfälle, Verschleißerscheinungen und Fehlhaltungen
wohin das Auge schaut. Rückenschmerzen und Verspannungen gehören
heute für die meisten Büromenschen zum täglichen Leid.
Auch die Ermahnungen der preußisch geprägten Eltern in der
Kindheit sind nutzlos geblieben ("Geh gerade...!"); weder haben
die Zöglinge eine entsprechenden Haltung im Leben angenommen, noch
gehen sie heute mit geradem Rücken. Damals hat noch keiner (außer
Ida Rolf) daran gedacht, dass eine gebückte Körperhaltung, der
runde Rücken vielerlei Ursachen und Gründe haben kann. Von rein
physischen Gegebenheiten (z.B. verkürzte Beine) bis hin zu psychischen
Faktoren (ein durch die Eltern/Chefs/Kollegen/Partner "geknechtetes"
Dasein) wirken alle Lebenssituationen auf den Menschen und hinterlassen
Spuren im und am Körper. Die im Leben gesammelten Erfahrungen, Unfälle,
Verletzungen etc. werden im Körper gespeichert, der analog einem
Tonband funktioniert, welches die persönliche Geschichte aufzeichnet.
Insbesondere negative Erfahrungen können sich unter Umständen
im Körper durch zahlreiche Symptome manifestieren und äußerlich
in der jeweiligen „Körperhaltung“ sichtbar werden.
Des Menschen Haltung erzählt davon, wo man im Leben aus dem Gleichgewicht
gebracht wurden, sei es im Äußeren durch zahlreiche kleinere
und größere Unfälle im Leben, durch die Anpassung an Schuhe,
Stühle, Kleidung oder im Inneren durch Ängste, Hemmungen, Verbote,
Depression u.s.w. Die Summe dieser Einflüsse schlägt sich in
der individuellen Art sich zu bewegen und zu halten nieder und "ist
das Resultat unserer persönlichen Geschichte, der Auseinandersetzung
zwischen desorganisierenden Kräften und kompensierenden Reaktionen."
Das heißt konkret: bei einer Verletzung des linken Beines, wird
das rechte stärker in Anspruch genommen, welches dadurch kräftiger
wird. Nach der Heilung verbleibt ein Rest des geänderten Bewegungsmusters
bestehen. Zusätzlich findet man subtile Anpassungen der einseitigen
Belastung im gesamten Körper wieder, dadurch können vorzeitige
Abnutzungserscheinungen des stärker belasteten Beines auftreten.
Durch diese Situation entsteht ein Ungleichgewicht in der gesamten Körperstruktur,
der Körper benötigt mehr Kraft um sich aufrecht zu halten und
Bewegungen auszuführen. Im gesamten Organismus findet ein Verlust
der Ordnung und Struktur statt. Die Degeneration führt in der Folge
zu Durchblutungsstörungen, Einschränkung des Stoffwechsels,
Atembeschwerden und hat nicht zuletzt negative Auswirkung auf das gesamte
Wohlbefinden.
Rolfing ist eine Methode, um die fortschreitende Degeneration im Körper
umzukehren.
Zur Entwicklung des Rolfing
Die Biochemikerin Dr. Ida Rolf entwickelte die Methode der "Strukturellen
Integration" vor 30 Jahren in den USA, nachdem sie intensiv über
die physiologische Beschaffenheit des Körpers geforscht hat und sich
damals schon intensiv mit Osteopathie, Yoga und Homöopathie beschäftigte.
Sie stellte fest, dass der Körper im gesunden Zustand die Tendenz
hat, sich aufzurichten und formulierte drei Grund-gedanken:
- das Leben des Menschen spielt sich lebenslang im Schwerkraftfeld der
Erde ab,
- es gibt eine ideale Struktur, die dem Körper erlaubt, sich frei
und mühelos zu bewegen,
- die Struktur ist veränderbar.
Ida Rolf hat herausgefunden, dass der Körper eine ideale Struktur
hat, wenn alle Körpersegmente zentriert und senkrecht übereinander
stehen. Alle Gelenkachsen sind dann waagrecht oder senkrecht, die Füße
sollten parallel stehen und nach vorne zeigen, ebenso die Knie. Der Körper
befindet sich dann im Lot. Das besondere Element von Ida Rolfs Untersuchungen
ist die Einbeziehung der Schwer- und Stützkraft, die von den meisten
therapeutischen Ansätzen außer Acht gelassen wird, obwohl diese
Kräfte das Leben des Menschen wesentlich prägen.
Die Schwerkraft zieht alles zum Erdmittelpunkt, sie kann bei ökonomischer
Körperhaltung stabilisierend und kräftigend wirken oder aber
bei mangelnder Stütze (unökonomischer Körperhaltung) niederdrücken
und zunehmend verformen. Wenn der Körper aus dem Lot gekommen ist,
sich also die Körpersegmente verschoben haben, dann verstärkt
die Schwerkraft die negative Tendenz.
Ist der Körper im Lot, dann hilft die Stützkraft beim Aufrichten
und man bewegt sich leicht und ohne Mühe. |
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| Übereinanderliegende Körpersegmente
aus dem Lot, ungünstige Wirkung der Schwerkraft |
Körpersegmente im Lot, Körper
hält sich ohne Anstrengung aufrecht im Schwerkraftfeld |
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Dr. Ida Rolf ging davon aus, dass beim Abweichen von der Idealstruktur,
beim Altern bzw. Verbiegen der Wirbelsäule immer ein mechanischer
Faktor mithineinspielt. Somit sollte der Prozess auch umgekehrt werden
können, wenn gezielt Kraft durch einen Rolfer eingesetzt wird.
Zum Mythos Muskel
Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass Muskeln Bewegung bewirken,
indem diese arbeiten. Die daraus resultierende Schlussfolgerung ist, dass
der Körper ohne Kraftanstrengung in sich zusammenfallen würde.
Diese traditionelle Lehrmeinung ist allerdings zu einseitig formuliert,
wie die verschiedenen Forschungen von Dr. Rolf (USA) und Dr. med. Flury
(Schweiz) belegen.
Der wesentliche Anteil des Körpers sind nicht Knochen und Muskeln,
sondern das Fasziennetz, welches ein hochkompliziertes System von ineinander
verschlungenen Faszienhüllen ist. Als Faszien werden die "zähen
Häute" bezeichnet. Dazu rechnet man die sehenartige Hülle
auf dem Muskel bzw. die Muskelhaut, ebenso wie Sehnen und Bänder,
eben alle Elemente die den Körper stützen. Die Faszien sind
die "Membranen" des Körpers, die die Dehnungsspannung übertragen.
Jeder spürt die Faszien bei Dehnungen, immer dann, wenn es schmerzt
und brennt. Durch Fehlhaltungen verhärten sich die Faszien, um den
Muskeln einen Teil der Arbeit abzunehmen. Versucht man kurzzeitig eine
"richtige" Haltung einzunehmen, so muss dazu der Widerstand
der verhärteten Faszien überwunden werden. Dies gelingt nur
über eine kurze Zeit, danach sinkt man in die übliche Schon-
bzw. Fehlhaltung zurück.
Die Praxis der
Strukturellen Integration
Ein langjähriger Spezialist des Rolfings ist Walter de Mello, der
die Strukturelle Integration seit 1991 praktiziert. Nach dem Studium der
Sportwissenschaften, absolvierte er eine Ausbildung zum Massagetherapeuten
und arbeitete im Rehabilitationsbereich eines Kurzentrums. Für Walter
de Mello blieben die meisten Reha-Methoden unbefriedigend, denn sie verhelfen
nur zu einer zeitweisen Verbesserung der Beschwerden oder greifen nur
in Teilbereichen des Körpers. Das ganzheitlich denkende Konzept der
Strukturellen Integration überzeugte ihn und so begann er in Brasilien
mit der Rolfing-Ausbildung, die er in München fortsetzte.
Der Rolfer fungiert laut de Mello als Bildhauer am Körper des Menschen,
indem er ihm hilft, seine optimale Struktur wiederzugewinnen. Walter de
Mello betont, dass die Strukturelle Integration keine Heilmethode ist.
Vielmehr verhilft der Rolfer dem Körper dazu, sich selbst zu heilen,
indem dieser seine ideale Struktur wiederfindet. Dass sich dabei möglicherweise
im persönlichen Bereich des Klienten etwas bewegt, ist eher ein "Nebenprodukt",
denn der Entschluss, eine neue Haltung im Leben anzunehmen, wirkt sich
auch auf das Bewusstsein aus, wenn dafür Offenheit besteht.
Beim ersten Termin analysiert der Rolfer die Körperstruktur als
Ganzes: wesentlich ist dabei die Statik des Körpers und die Art der
Abweichung. Er wirft ein besonderes Augenmerk auf die Fuß-, Knie-
und Beckenstellung des Klienten. Er definiert die primären Bereiche,
von denen die Fehlhaltung ausgeht: z.B. ein verkürztes Bein (fast
jeder Mensch hat unterschiedlich lange Beine, jedoch wirkt sich das im
Laufe des Lebens durch Fehlhaltung zunehmend negativ aus), schiefes Becken,
verdrehter Rumpf.
Aus eigener Erfahrung
Im Liegen werden zuerst die primären Bereiche (Faszien) am Körper
bearbeitet, die am stärksten verhärtet und verklebt sind. In
der ersten Sitzung bleibt der Rolfer eher an der Oberfläche der Faszien.
Die Lösung der verhärteten Faszien wird zum Teil mit und ohne
unterstützende Bewegungen des Klienten durchgeführt. Man spürt
die "Verlängerung" (Dehnung) der Gliedmassen direkt nach
der jeweiligen Teilbehandlung, so dass man zeitweise das Gefühl hat,
ein Körperteil sei länger als das andere, was tatsächlich
der Fall ist. Nach und nach folgen die Bereiche des Körpers, die
die Fehlhaltung kompensiert haben. Erstaunlich ist, dass man schon im
Liegen bemerkt, wie der Rücken nach der Lösung der Verklebungen
völlig flach aufliegt. Man spürt ebenso deutlich nach der Behandlung
der Teilbereiche die, die noch verkürzt sind. Das erstaunlichste
Gefühl beschleicht einen, wenn man sich von der Liege erhebt und
ganz langsam die ersten Schritte geht. Der eigene Körper schwankt
auf den Füßen, er muss erst wieder seinen Mittelpunkt finden.
Man hat den Eindruck, dass die Arme bis zu den Knien hängen. Im Laufen
spürt man deutlich wie man sich leichter, beschwingter bewegt. Lässt
man das Brustbein die Bewegung nach vorne steuern, läuft man ohne
Mühe und Anstrengung. All das bedarf der Übung und der Gewöhnung
an das neue Körpergefühl. Zudem erinnert sich der Körper
an zurückliegende Erfahrungen, die im Laufe der Woche ins Bewusstsein
steigen.
Walter de Mello bemerkt, dass der Körper nach jeder Sitzung ca.
zwei bis drei Wochen benötigt, um sich an seine neue (eigentliche)
Struktur zu gewöhnen. Nach der ersten Sitzung wird gezeigt, wie man
die beste Haltung im Sitzen und Laufen findet, in sich hineinspürend
bemerkt man, dass es eine Position gibt, in der keine Muskeln angespannt
sind. Der Blick in den Spiegel ist überraschend. Der Körper
hat eine andere Form bekommen. Danach beginnt die eigentliche Arbeit an
sich selbst erst: das Einüben der idealen Haltung durch ständiges
In-sich-hin-einspüren. So wird schrittweise in ca. 10 Sitzungen über
ein halbes Jahr hinweg vorgegangen. Der Klient wird durch begleitende
Übungen in die Lage versetzt, die neue Struktur langfristig zu erlernen
und beizubehalten. Zum weiteren Vertiefen und Üben der in der Sitzung
erlernten Elemente kann man bei Walter de Mello (Maintal) oder bei seiner
Kollegin Rosemarie Burkhardt (Dreieich) samstägliche Bewegungskurse
besuchen, in denen "normale" Haltungen bei der Hausarbeit, beim
Sport, Heben, Laufen etc. trainiert werden.
Was bedeutet "normale“ Bewegung?
Wichtig für den nachhaltigen Erfolg des Rolfings ist, dass wieder
normale Bewegung erlernt wird. Doch kaum jemand, weiß heutzutage
noch, was eine normale, ökonomische Bewegung ist, weil der Instinkt
für die natürliche Bewegung nicht mehr vorhanden ist. Ein Beispiel
dafür sind die Katzen, die sich geschmeidig, vollkommen natürlich
und ohne Kraftanstrengung bewegen. Ida Rolf ging davon aus, dass "die
normale Struktur (normal im Sinne von sich an der Norm orientieren) ideal
ist, weil sie dem Körper erlaubt, sich mit maximaler Ökonomie
zu bewegen."
Zur Weiterentwicklung der Strukturellen Integration
Der Schweizer Arzt und Rolfer Dr. med. Flury hat erheblich zur Weiterentwick-lung
des Rolfings beigetragen und zu diesem Zweck die Schweizer Gesellschaft
für Strukturelle Integration (SGSI) gegründet. Die dort zusammengeschlossenen
Therapeuten (zu denen auch W. de Mello u. R. Burkhardt gehören) haben
sich der Forschung und wissenschaftlichen Fundierung der Strukturellen
Bewegungslehre verschrieben, deren Ziel ist, die ökonomischste Form
der Bewegung zu finden. In seinem Werk "Die neue Leichtigkeit des
Körpers" werden verschiedene Prinzipien für die "normale"
Bewegung aufgestellt. Er macht an dem Beispiel "Arm-heben" und
"Arm-steigen-lassen" deutlich, dass der Körper dadurch,
dass er beim "Arm-heben" Muskelgruppen kontrahieren muss (die
Schultern werden hochgezogen, der Rumpf verschiebt sich), unökonomisch
arbeitet. Lässt man den Arm im Gegensatz zum vorherigen Beispiel
"steigen", dann kann man deutlich spüren, dass die Bewegung
fast von alleine geschieht. Zuerst entspannt man die Schultern, spürt
deutlich das Gewicht der Arme und Schultern und lässt diese tiefer
sinken und schwer am Körper hängen. Dann führt der linke
Ellenbogen die Bewegung, er sinkt etwas nach unten und schwingt dann nach
außen. Die Bewegung ist subtil und man muss diese genau beobachten.
Fällt es dem Übenden schwer diese Bewegung zu spüren, sollte
er zuerst die Schultern hochziehen. Dann spürt man stärker,
wenn man die Arme und Schultern fallen lässt. Wichtig ist bei dieser
Art der "normalen" Bewegung, dass man lernt die Muskeln zu entspannen,
dadurch wird der Körper länger, ähnlich wie einem in der
Hand zusammengedrückten Gummiball, den man loslässt. Arbeiten
die Muskeln, dann verkürzen sich diese und stauchen sich zusammen. |
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| Arm-Heben |
Arm-Steigen-Lassen |
| Beachten Sie den Unterschied von Ökonomie, Länge
und Gleichgewicht. |
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Bei der entspannten Bewegung des "Arm-steigen-lassens" nutzt
man die Schwerkraft optimal, denn diese löste die Bewegung aus, während
man beim "Arm-heben" die Muskelkraft spürt, die andauernd
Energie verbraucht. Normale Bewegung beruht auf einfacher Mechanik. Der
erste Eindruck der Ausführungen mag eher verwirren, denn diese brechen
mit den gängigen Vorstellungen von Bewegung, aber spätestens
bei der Durchführung der Übungen wird man den Unterschied erspüren
können.
Inzwischen gibt es in Deutschland 120 Rolfer, zu wenig, um die steigende
Nachfrage befriedigen zu können, die sich aus dem Erfolg der Behandlungen
ergeben. Selbst Orthopäden werden zunehmend sensibler und schicken
Patienten aufgrund der positiven Resonanzen der Strukturellen Integration
zu den Rolfern.
Walter de Mello sowie alle Mitglieder der SGSI gehören übrigens
zu den „Puristen“ des Rolfings: sie wenden sich strikt gegen
die Vermischung von Rolfing mit anderen Methoden (Craniosacrale Therapie,
Osteopathie) und empfiehlt seine Klienten eher an Kollegen als eine an
sich perfekte Methode dadurch zu verwässern, indem man diese mit
anderen kombiniert.
Informationen:
Walter de Mello Neto, Griester Weg 2e, 63477 Maintal, Tel. 06109-65004
Fax: 60 57 99, w.demello@t-online.de
Rosemarie Burkhardt, Frankfurter Str. 45, 63303 Dreieich, Tel. 06103-311
310 Fax: 92 39 95, burkhardt-meinel@t-online.de.
oder über den Verband SGSI (Schweizerische Gesellschaft für
Strukturelle Integration) Hans Flury, Badenerstr. 21, CH-8004 Zürich,
strukturelle-integrati-on@tic.ch,
www.sgsi.ch
Literatur:
Rolf, Ida: Rolfing Hugendubel, München
Flury, Hans Dr.: Die neue Leichtigkeit des Körpers, dtv-Verlag:
1995, München (vergriffen, Restexemplare beim Autor erhältlich)
Notes on Structural Integration, Theore-tical Journal, Hrsg. SGSI, Züric |
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